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(M)Ein Weg durch die charismatische Szene (eigener Erfahrungsbericht)

1. Rückblick

Als Kind war ich von gläubigen Leuten sehr beeindruckt, habe den Religionsunterricht gern mitgemacht und mich interessiert mit biblischen Geschichten beschäftigt. Als Jugendliche habe ich dann versucht, die Bibel einmal ganz durchzulesen, und begann beim Neuen Testament, weil dieser Text mir leichter verständlich erschien. Dabei kam ich irgendwann zum Text der sogenannten "Bergpredigt" (Matthäus 5 - 7), und war fasziniert und entsetzt zugleich: Wie kann Gott so etwas verlangen? Das schaffe ich doch nie! Ich kam zu dem Schluss, dass es für mich unmöglich sei, so zu leben, wie Gott es wollte. Ich fühlte mich von diesem Gott total überfordert und im Stich gelassen, wurde wütend und beschloss, Atheist zu werden.

Einige Jahre später während meines Studiums kam ich mit Studenten verschiedener religiöser Hintergründe in Kontakt, und wir fanden es interessant, uns über Texte der Bibel zu unterhalten. Im Laufe der Zeit kam ich irgendwann zu der Schlussfolgerung, dass ich die Bergpredigt vielleicht falsch verstanden hatte. Eigentlich liebt Jesus Christus die Menschen so, wie sie sind, und will, dass sie ehrlich zu ihm sind. Er will gar nicht, dass wir ihm ein frommes Leben nach der Bergpredigt "bieten". Das einzige, was er von den Menschen möchte, ist, zu ihm "ja" zu sagen. Er möchte die Menschen dann von innen irgendwie verändern, dass sie fähig werden, Seinen Weg der Liebe / Nächstenliebe / Feindesliebe zu gehen. Alle Versuche, aus eigener Kraft „christlich“ zu sein, würden nur eine äußere Form sein und nicht das, was er möchte.

Das fand ich einleuchtend, und so beschloss ich, mein Leben nach dieser Botschaft, die ich als das "Evangelium" verstand, auszurichten und mein Vertrauen in Jesus Christus zu setzen. Unsere größtenteils aus Studenten bestehende Gruppe war für mich dabei so etwas wie eine "Hausgemeinde". Wir gingen manchmal in klassische "Gottesdienste" verschiedener Frei- oder Landeskirchen, aber unsere Gemeinde war unsere Gruppe - allerdings freundschaftlich in Kontakt mit einigen Kirchengemeinden unserer Stadt.


2. Charismatische Begegnungen

Irgendwann Anfang der 90ger Jahre wurde in der christlichen Szene das Thema „Geistesgaben“ populär. Die Lieder änderten sich, es wurde viel über Geist gesprochen und Phänomene erlebt, z.B. auch das sogenannte "Sprachengebet", "prophetische Eindrücke" und das Umfallen, das "Ruhen im Geist" genannt wurde. Ich fand das damals spannend, weil unsere Gruppe eher nüchtern und "normal" gewesen war. Nett, aber ich wollte Action.

Da ging ich in ein paar charismatische Gottesdienste, die in unserer Stadt damals auf­kamen - und hatte meine Action... viel schöne Musik (die prima in eine Art Trance führen kann, wie ich das früher auf Konzerten erlebt hatte... nur diesmal sollte es „vom Herrn“ sein)... und interessante bizarre Phänomene (wie man übrigens auch in Hypnose-Shows erleben kann). Ich fand das super - endlich ging mal was ab in der Kirche... und geriet da immer tiefer rein - in den extremeren Teil der charismatischen Szene.

Irgendwann aber meldete sich bei mir innen die Frage, ob das wirklich „der Herr“ war, der für diese Phänomene zuständig war. Die Prediger versicherten dies natürlich immer wieder. Immer wieder wurde eingestreut, zweifelnde Gedanken kämen vom Satan und gehörten „gebunden“. Leider verunsicherte mich dies lange, so dass ich mich nicht traute, in diesem Bereich weiter zu forschen. Auch mochte ich die Musik, das Tanzen, die Action, und auch die Leute. Ich besuchte sogar zwei Jahre lang eine christlich-charismatische Bibelschule.

Aber die inneren Fragen hörten auch nach meiner Bibelschulzeit nicht auf und ich begann, die Bibel mit den Lehren der charismatischen Szene, in der ich war, zu vergleichen. Dabei stieß ich auf Ungereimt­heiten und wagte es einmal, mit einer ehrlichen Frage zu einem Prediger zu gehen. Ich hatte mich gründlich vorbereitet, aber er schmetterte mein Anliegen sofort mit der Aussage ab, ich hätte einen „Dämon der Kritik und des Widerstandes“. Er sei der Gesalbte und ich müsse nur ihm vertrauen und nicht mehr selbst zu prüfen versuchen - dann würde ich im geistlichen Verständnis weiterkommen.

Dies war der Punkt, wo ich mich aus dieser Szene zurückzog. Hier wurde mir klar, dass da total was schief gegangen war. Ich war geschockt, unendlich traurig, verwirrt, wütend und einsam. Es begann eine Zeit, wo ich intensiv die Bibel mit den Lehren, die ich über viele Jahre gehört hatte, verglich. Immer mehr fiel mir auf, was nicht passte.

Inzwischen ist dieser Ablösungsprozess nicht mehr so aktiv und intensiv. Ich habe zu vielem einen Standpunkt gewonnen und halte mich von der Szene fern, versuche aber auch, Positives, das ich während dieser Zeit auch erlebt habe, nicht aus dem Blick zu verlieren. Trotzdem bin ich gegenüber religiösen Veranstaltungen aller Art sehr skeptisch geworden.

 

Hier die Kurzfassung dieses Erfahrungsberichtes als PDF-Download